Arbeitsklima Index April 2012

Angeblich ist Österreich bereits im zweiten Jahr des Aufschwungs nach der Krise. Die Beschäftigten merken wenig bis gar nichts davon.

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Tiefpunkt der Zufriedenheit seit 2004

Der Arbeitsklima Index bleibt zwar insgesamt fast unverändert – er ging nur um einen Punkt auf 107 zurück – aber wenn man genauer hinsieht, zeigen sich zum Teil dramatische Veränderungen: Der Teilindex "Erwartungen" liegt mit dem Wert 55 sogar unter den Werten zur Zeit der Krise (56 bis 57). Der Teilindex "Gesellschaft" (Optimismus für Österreich, gesellschaftlicher Status) bleibt niedrig bei 61, während der Teilindex "Betrieb" (wirtschaftliche Zukunft, Führungsstil, Sozialleistungen) um einen Punkt auf 72 gesunken ist.

Kein Auskommen mit dem Einkommen

Dramatisch stieg innerhalb eines Jahres der Anteil jener Beschäftigten (44 auf 50 Prozent), die mit ihrem Einkommen nur noch knapp auskommen. Nimmt man die elf Prozent derjenigen, die mit ihrem Einkommen gar nicht mehr auskommen, so sind es mehr als 60 Prozent der österreichischen Arbeitnehmer/-innen, deren Einkommen kaum oder nicht mehr ausreicht.

Mittelschicht erodiert

Die Menschen mit mittlerem Einkommen kommen immer mehr unter Druck. Die zunehmende Schwierigkeit, mit dem erarbeiteten Einkommen einigermaßen gut leben zu können, wirkt sich auch auf das Gefühl aus, an der Gesellschaft teilhaben zu können. Die Arbeitnehmer/-innen fühlen sich zuneh-mend übergangen, was Einkommen, Rechte und sozialen Status betrifft. Die Zufriedenheit von Beschäftigten mit Lehrausbildung oder berufsbildender Schule liegt bei 108 Indexpunkten, ein Anstieg zum Vorjahr um einen Punkt. Bei Arbeitnehmern/-innen mit Matura oder höherer Bildung sank der Index während des letzten Jahres von 113 auf 111, bei jenen mit nur Pflichtschulabschluss stürzt er innerhalb des letzten Jahres geradezu von 104 auf 96 Punkte ab!

Gesellschaftlicher Status sinkt

Im Arbeitsklima Index besteht die Subdimension "Gesellschaftlicher Status" aus den Bereichen "Zufriedenheit mit Rechten als Arbeitnehmer/-in" und "Zufriedenheit mit sozialer Position als Arbeitnehmer/-in". Diese Subdimension liegt aktuell bei 67 Punkten – der tiefste Wert seit dem Frühjahr 1998! Derzeit sind 64 Prozent mit ihren Rechten als Arbeitnehmer/-in zufrieden – der Tiefstwert seit 1997. Mit ihrem sozialen Status sind 63 Prozent der Beschäftigten zufrieden, was sogar den Tiefstwert seit Beginn des Arbeitsklima Index vor 15 Jahren bedeutet.

Grafik: Zufriedenheit mit Rechten und sozialer Position

 

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Dr. Johann Kalliauer: Arbeitseinkommen entlasten

Die Daten des Arbeitsklima Index zu den Einkommen österreichischer Arbeitnehmer/-innen sind alarmierend. Mehr als 60 Prozent der arbeitenden Menschen kommen mit ihrem Einkommen kaum oder nicht mehr aus. Die besten Lohnabschlüsse der Gewerkschaften nützen wenig, wenn Steuerprogression und Preissteigerung die Einkommen wegfressen. Oder wenn Unternehmer/-innen ein Drittel der Beschäftigten gleich zu Beginn niedriger im Lohn- oder Gehaltsschema einstufen als ihnen zustehen würde. Besonders die Einkommen von Frauen und Migranten/-innen sind oft zu niedrig. Die Forderungen der AK: Eine Steuerreform, die Einkommen aus Arbeit entlastet und große Vermögen und Finanztransaktionen besteuert. Dazu Maßnahmen gegen überzogene Teuerungen, v.a. bei Wohnungen und Lebensmittel, faire Löhne und Lohnerhöhungen sowie die richtige Einstufung der Beschäftigten in den Kollektivverträgen.

 

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Migranten/-innen: In fast allen Branchen angekommen

Migranten/-innen und ihre in Österreich aufgewachsenen Nachkommen sind mehrheitlich Arbeiter/-innen und verdienen deutlich weniger als Nicht-Migranten/-innen.

Personen, die selbst oder deren Eltern nicht in Österreich geboren sind, werden als Menschen mit Migrationshintergrund definiert. Laut Arbeitsklima Index sind 16 Prozent der unselbständig Erwerbstätigen in Österreich Migranten/-innen. Den größten Anteil stellen Beschäftigte mit türkischem oder exjugoslawischem Migrationshintergrund, gefolgt von Menschen aus Osteuropa.

53 Prozent sind als Arbeiter/-innen beschäftigt

Beschäftigte aus Deutschland/Westeuropa und aus Osteuropa sind mehrheitlich als Angestellte beschäftigt. Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien und aus der Türkei sind in erster Linie Arbeiter/-innen. Ein Grund dafür ist das niedrigere formale Bildungsniveau. Aber: Höhere Bildungsabschlüsse oder Berufsausbildungen werden in Österreich nur selten anerkannt. Die Migranten/-innen müssen Jobs annehmen, für die sie überqualifiziert sind.

Geringe Zufriedenheit mit dem Einkommen

Arbeitnehmer/-innen mit Migrationshintergrund haben häufiger niedrige Einkommen: Vollzeitbeschäftigte ohne Migrationshintergrund verdienten pro Monat 1.575 Euro netto (Median 2011), jene mit Migrationshintergrund durchschnittlich um 150 Euro weniger. Die Einkommenszufriedenheit unter Migranten/-innen liegt um fast 20 Prozentpunkte niedriger. Das monatliche Einkommen von Arbeitnehmern/-innen aus Deutschland/Westeuropa liegt im Median gleichauf mit dem Verdienst von Beschäftigten ohne Migrationshintergrund. Befragte aus der Türkei verdienen im Durchschnitt 1.275 Euro und somit 300 Euro weniger als Arbeitnehmer/-innen ohne Migrationshintergrund.

Grafik: Arbeitsverhältnis nach Herkunft

 

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Hohe Belastungen: Migranten/-innen sind mit ihren Jobs oft unzufrieden

Migranten/-innen haben nicht nur niedrigere Einkommen, oft sind sie auch höheren Belastungen im Job ausgesetzt. Ihr Arbeitsklima Index liegt bei nur 97 Punkten.

Grafik: Vergleich Belastungen im Job

 

Zeitdruck ist für 30 Prozent der Migranten/-innen eine Belastung. Für 18 Prozent sind es schlechte Gesundheitsbedingungen und für 15 Prozent Unfall- und Verletzungsgefahr am Arbeitsplatz. Im Arbeitsklima Index zeigt sich eine Kluft: Beschäftigte ohne Migrationshintergrund haben einen Wert von 109 Punkten, Migranten/-innen liegen derzeit bei nur 97 Punkten.

Unzufrieden mit Führungsstil

Vor allem die Zufriedenheit mit dem Führungsstil hat im letzten Jahr abgenommen. Während im Herbst 2010 noch zwei Drittel der Beschäftigten mit Migrationshintergrund mit dem Führungsstil ihrer Vorgesetzten zufrieden waren, so ist diese Zufriedenheit bis Herbst 2011 auf 57 Prozent gesunken und liegt derzeit nur unwesentlich höher (60 Pro-zent). Zum Vergleich: Arbeitnehmer/-innen ohne Migrationshintergrund sind zu 73 Prozent mit dem Führungsstil ihrer Vorgesetzten zufrieden.

Düsteres Bild für Migranten/-innen

Die Einschätzung der Rechte als Arbeitnehmer/-in sowie des sozialen Status ist genauso im Sinken wie die allgemeine Einkommens- und Lebenszufriedenheit, die Zufriedenheit mit der Arbeitszeitregelung und die Einschätzung der Karrierechancen. Insgesamt zeichnet sich ein düsteres Bild für Migranten/-innen am österreichischen Arbeitsmarkt: Die Einkommensschere schließt sich nicht, das Auskommen mit dem Einkommen wird immer schwieriger, die betriebliche Situation verschlechtert sich und die Ausblicke in die Zukunft sind getrübt. Nur noch 40 Prozent der Migranten/-innen glauben an ihre Aufstiegschancen, nur knapp mehr als ein Drittel denkt, bei Jobverlust leicht wieder neue Arbeit zu finden.

 

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Ältere Beschäftigte: Mehr Weiterbildung, aber großer Pessimismus

Viele ältere Beschäftigte ab 46 Jahre sehen ihre Chancen in der Arbeitswelt schwinden, obwohl ihnen zunehmend Weiterbildung ermöglicht wird.

Ältere Arbeitnehmer/-innen ab 46 Jahre erreichen im Teilindex Erwartungen nur noch einen Wert von 49 Punkten, während jüngere Beschäftigte bis 45 Jahre mehr als 10 Punkte höher liegen. Sowohl ältere Arbeiter/-innen in Industrie und Gewerbe als auch Beschäftigte ab 46 Jahre in der Verwaltung, im Unterrichtssektor als auch im Dienstleistungsbereich erzielen deutlich niedrigere Werte im Erwartungs-Index als ihre jüngeren Kollegen/-innen. Im Handel und im Gesundheits- bzw. Sozialbereich liegen ältere Arbeitnehmer/-innen weniger stark unter den Werten ihrer jüngeren Kollegen/-innen.

Arbeiten bis 60/65 immer unwahrscheinlicher

Derzeit glauben 15 Prozent aller Arbeitnehmer/-innen, dass sie mit 65 Jahren noch "sehr wahrscheinlich" ihre jetzige Arbeit ausüben können, weitere 39 Prozent sagen zumindest, dass dies "eher wahrscheinlich" sei. Die Tendenz verläuft bei älteren Arbeitnehmern/-innen eher abwärts, d.h. Beschäftigte über 45 Jahre halten es für immer weniger wahrscheinlich, bis 65 ihre jetzige Arbeit ausüben zu können. Derzeit sind es 48 Prozent, vor zwei Jahren waren es noch 51 Prozent.

Grafik: Teilindex Erwartungen Vergleich bis 45 Jahre, ab 46 Jahre

 

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Arbeitswelt muss sich ändern

Wirtschaftsvertreter/-innen, "Experten/-innen" und Medien fordern wieder und wieder: länger arbeiten. Am besten bis 70 Jahre. Die Realität in der Arbeitswelt sieht aber so aus: Vor allem ältere Beschäftigte sehen für ihre berufliche Zukunft eher schwarz.

Weiterbildung kein Allheilmittel

Immerhin hat sich bei den Möglichkeiten zur Weiterbildung etwas getan: Ältere Arbeitnehmer/-innen werden bei Weiterbildungsmaßnahmen nach wie vor oft übergangen. Aber seit kurzem ist ein Aufwärtstrend zu beobachten. Vor einem Jahr gab nur ein Viertel aller über 45-Jährigen an, in den vergangenen 12 Monaten an Weiterbildungsmaßnahmen teilgenommen zu haben. Dieser Anteil ist auf ein Drittel gestiegen. Allerdings sinkt die Teilnahme jüngerer Beschäftigter an Weiterbildungsmaßnahmen. Berufliche Weiterbildung ist kein Allheilmittel, das wissen die Beschäftigten sehr genau. Deshalb bleiben über 45-Jährige eher pessimistisch, denn schlechte Gesundheitsbedingungen, Unfall- und Verletzungsgefahr sowie Zeitdruck beeinträchtigen die Arbeitsfähigkeit bis zum Pensionsalter. Man wird nicht herumkommen, die Arbeitswelt grundlegend zu verändern, durch Arbeitszeitverkürzung und bessere Arbeitsbedingungen.

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