Derivatehandel – EU-Pläne zur Regulierung reichen nicht aus!
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Die EU-Kommission möchte Termingeschäfte, den sogenannten Derivatehandel, regulieren. Bei diesen Geschäften wird auf sinkende oder steigende Preise etwa von Rohstoffen oder Aktien spekuliert. Der Handel mit Derivaten geschieht zum Großteil außerhalb der Börsen und ist höchst undurchsichtig. Der Vorschlag der EU-Kommission zur Regulierung lässt aus Sicht der AK zu viele Schlupflöcher.
Was sind "Derivate"?
Futures, Optionen, Swaps – all das sind Derivate. Dabei wird von Aktien oder Anleihen, von Nahrungsmitteln und Rohstoffen, von Devisen, Zinssätzen, Kreditausfallswahrscheinlichkeiten von Unternehmen oder Staaten und sogar vom Wetter als Basiswert ausgegangen und auf eine bestimmte Entwicklung (etwa einen fallenden Ölpreis) "gesetzt".
Der Wert des Derivates schwankt mit dem zugrundeliegenden Basiswert. Das Prinzip: Wird erwartet, dass der Ölpreis bis 1. Juni unter 120 US-Dollar pro Barrel sinkt, wirkt das tendenziell wertsteigernd auf einen Öl-Terminkontrakt, der mich zum Verkauf von Öl zum Preis von 120 US-Dollar pro Barrel am 1. Juni berechtigt. Der Grund: Je günstiger ich das Öl im Juni einkaufen werde können, desto mehr Gewinn werde ich machen.
Kommen "Hebel" zum Einsatz, fallen die Gewinne aber auch die Verluste um ein Vielfaches höher im Vergleich zum Basiswert aus.
Ein Beispiel: Möchte jemand mit dem Einsatz von 2000 Euro auf den Anstieg von Aktien, die derzeit 20 Euro kosten, spekulieren, kann er 100 Aktien erwerben, und diese bei gestiegenem Kurs (27 Euro) wiederverkaufen und dadurch einen Gewinn von 700 Euro machen.
Als Alternative könnte man 2000 Kaufoptionen (auf 2000 Aktien, 1 Euro pro Kaufoption) erwerben, die dann das Recht einräumen, dieses Aktienpaket etwa im September zum Preis von 22,50 Euro zu erwerben. Steigt der Kurs auf 27 Euro, macht man einen Gewinn von 4,50 Euro x 2000, wovon der Preis der Kaufoption (2000 Euro) abzuziehen ist, also von 7000 Euro. Umgekehrt steigen bei sinkendem Kurs die Verluste dementsprechend.
Derivate zur Absicherung und Spekulation
Ebenso groß wie die breite Palette der Instrumente und der möglichen Basiswerte ist auch das Einsatzgebiet von Derivaten. So kann sich ein international tätiges Unternehmen gegen einen fallenden Dollarkurs absichern, eine Bank mit einem Zinsswap handeln oder selbst als Gegenpartei einsteigen oder ein Hedgefonds auf einen steigenden Weizenpreis spekulieren. Dabei können Derivate standardisiert sein, oder ganz speziell auf das jeweilige Geschäft "maßgeschneidert" werden.
Handel außerhalb der Börsen - wo liegen die Gefahren?
"OTC“ bedeutet "Over the Counter", was heißt, dass der Kontrakt nur zwischen den betroffenen Vertragsparteien und somit abseits von Börsen abgeschlossen wird. Bis zu 90 Prozent des gesamten Derivatehandels sollen unter diese Kategorie fallen. Das führt zu hoher Intransparenz, die durch die oftmals hochkomplexen Kontrakte erheblich gesteigert wird. Aufgrund der hohen gegenseitigen Verflechtung von Finanzinstituten besteht bei Ausfall eines Vertragspartners hohe Ansteckungsgefahr über mehrere Finanzunternehmen hinweg. Kommt es nämlich zum Ausfall eines Instituts, kann das auch der Gegenpartei soweit schaden, dass diese selbst in Schwierigkeiten kommt. Dieser Umstand hat auch wesentlich zur Finanzmarktkrise beigetragen.
zum SeitenanfangHandel mit Derivaten nimmt zu
Die immense Größe des OTC-Derivatemarktes wurde in den letzten Jahren trotz Krise weiter aufgebläht. So ergab ein Bericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich aus dem Frühjahr 2011, dass im Vergleich zu 2007 das Wachstum des Volumens von OTC-Derivaten stark angestiegen ist. Im Juni 2010 betrug der Referenzbetrag der Außenstände 583 Billionen US-Dollar, 15 Prozent mehr als 2007. Dabei machen Zinsderivate mit einem Volumen von 478 Billionen US-Dollar den weitaus größten Brocken aus. Das weltweite Bruttosozialprodukt 2010 wird im Vergleich dazu auf "nur" um die 62 Bio US-Dollar geschätzt.
Spekulation mit Nahrungsmitteln trifft die Ärmsten
Aber selbst wenn alles "gut geht", beeinflusst der Derivatehandel die reale Wirtschaft. Vieles weist darauf hin, dass Nahrungsmittel- und Rohstoffpreise durch Finanzspekulation nach oben ausschlagen. Überhöhte Nahrungsmittel- und Energiepreise sind ein großes Problem gerade für die finanziell am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen.
zum SeitenanfangEU-Pläne nur ein erster Schritt zur Regulierung
Dass im Bereich von OTC-Derivaten höchster Handlungsbedarf besteht, wurde auch von der EU-Kommission erkannt. Diese schlägt in einem Verordnungsentwurf vor:
- Clearingpflicht: Bei standardisierten OTC-Derivaten soll eine dritte Instanz (eine Zentrale Gegenpartei) zwischen die zwei Vertragspartner geschaltet werden, die jeweils die Haftung für die Erfüllung des Kontraktes übernimmt. Durch professionelles Risikomanagement und das gegeneinander Aufrechnen offener Kontrakte (Netting) sollen die mit dem OTC-Handel verbundenen Gefahren gesenkt werden.
- Möglichst alle OTC-Derivatkontrakte sollen in einem Transaktionsregister erfasst und so die Transparenz erhöht werden.
Leider enthält der Vorschlag auch Schlupflöcher. Vor allem sind von der Clearingpflicht nur ausreichend standardisierte Kontrakte sowie nur ein Teil der realwirtschaftlichen Unternehmen erfasst. Wie sehr der Verordnungsvorschlag zu mehr Sicherheit beitragen kann, hängt aber von der konkreten Ausgestaltung der Clearingverpflichtungen ab. Auch muss es gelingen, das hohe Volumen des OTC-Derivatesegments zu verringern, da die Zentralen Clearingstellen sonst selbst eine Gefahr für das System darstellen.
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