Mehr Chancen für Ältere
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Aktuelle Zahlen zeigen: Das österreichische Beschäftigungssystem befindet sich in einer strukturellen Schieflage.
Die Arbeitsorganisation in den meisten Betrieben ist auf ArbeitnehmerInnen unter 50 Jahren zugeschnitten, die Arbeit wird verdichtet und zahllose Überstunden sorgen für Verschleiß und gesundheitliche Probleme. Für Ältere oder gesundheitlich Beeinträchtigte ist kein Platz mehr in den Unternehmen, sie werden einfach „abgebaut".
- Neue Wege für den Arbeitsmarkt
- Arbeiten bis zum Umfallen
- Schlusslicht bei Beschäftigung Älterer
- Österreich braucht nachhaltige Arbeitsmarktpolitik
- AK-Forderung: Einführung einer flächendeckenden Gesundheitsstiftung
Neue Wege für den Arbeitsmarkt
Vermehrte Gesundheitsprobleme bei den Beschäftigten sind kein Wunder, sondern häufig eine Folge ständiger Arbeitsverdichtung und langer Arbeitszeiten: Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit für Vollzeitbeschäftigte in Österreich ist die höchste in der ganzen EU. Knapp 800.000 Beschäftigte leisten mehr als sieben Millionen Überstunden in der Woche, also gut neun pro Woche und Person.
„In Österreich wird sprichwörtlich bis zum Umfallen gearbeitet. Wer krank wird, wer mit dem Tempo nicht mehr mithalten kann, wird häufig arbeitslos oder arbeitet bis nichts mehr geht, bis zur Invalidität", sagen Gernot Mitter, Arbeitsmarktexperte der AK Wien, und Marc Pointecker, Experte für Wirtschaftspolitik in der AKNÖ. Ein solches Beschäftigungssystem ist unmenschlich und verursacht unnötigen Druck und Leid. Es ist angesichts des steigenden Durchschnittsalters der Beschäftigten nicht zukunftsfähig, höchst verschwenderisch und unwirtschaftlich, denn Invalidität verursacht Jahr für Jahr Kosten in Milliardenhöhe.
Die AK fordert ein Umdenken und Gegensteuern durch:- Einführung einer flächendeckenden Gesundheitsstiftung, die Invalidität vorbeugt und Arbeit Suchenden und Beschäftigten eine neue gesundheitliche und berufliche Perspektive bietet.
- Reduktion der unfreiwilligen Überstunden – weniger Überstunden helfen gesund zu bleiben und schaffen neue Arbeitsplätze. Es können also Arbeitslosigkeit reduziert und mittelfristig höhere Beschäftigungsquoten Älterer erreicht werden.
Arbeiten bis zum Umfallen
Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit der Vollzeitbeschäftigten ist in Österreich laut Eurostat die höchste in der gesamten EU. 42,4 Stunden arbeiten Vollzeitbeschäftigte im Durchschnitt in der Woche, in keinem anderen EU-Land wird länger gearbeitet. Zum Vergleich: Im EU-Durchschnitt werden 40,5, in Schweden, dem Land mit der höchsten Beschäftigungsquote Älterer, 39,9 Stunden Wochenstunden gearbeitet. Gleichzeitig sind die Überstunden stark konzentriert: Knapp 800.000 von rund 3,2 Millionen Beschäftigten leisten laut Mikrozensus-Arbeitskräfterhebung mehr als sieben Millionen Überstunden pro Woche. Noch dazu werden knapp 20 Prozent dieser Überstunden von den Arbeitgebern nicht einmal bezahlt.
Jeder 5te leistet Überstunden um Gottes Lohn
„Das heißt: Jeder fünfte Arbeitnehmer leistet Überstunden um Gottes Lohn und gefährdet seine Gesundheit damit", sagen Mitter und Pointecker. Eine hohe Überstundenbelastung führt auf Dauer zu gesundheitlichen Problemen und Einschränkungen im Familien- und Sozialleben. Die ArbeiternehmerInnen wollen auch nicht so lange arbeiten – der Arbeitsklima-Index der AK OÖ zeigt klar, dass die Mehrheit der Vollzeitbeschäftigten weniger Überstundenarbeit auch um den Preis einer entsprechenden Einkommensschmälerung will.
150.000 Arbeitsplätze durch Reduktion der Arbeitszeit
Rechnerisch könnten durch eine Reduktion der Arbeitszeit auf EU-Niveau knapp 150.000 Arbeitsplätze geschaffen werden, eine Reduktion auf schwedisches Niveau würde knapp 200.000 Arbeitsplätze bringen. Selbst wenn die tatsächliche Beschäftigungs-wirkung geringer ist, könnte neben einer dennoch signifikanten Reduktion der Arbeitslosigkeit eine Erhöhung der Beschäftigungsquote der Älteren erreicht werden.
Wenn Arbeit krank macht ...
Wenn Arbeit krank macht, ist der Verlust des Arbeitsplatzes nicht mehr weit. Die Krankenstandsstatistik legt den Schluss nahe, dass viele Beschäftigten aus Angst vor Kündigung sehr spät in den Krankenstand gehen, und wenn sie das tun, schnell ihren Arbeitsplatz verlieren. Die Krankenstände der Beschäftigten sind in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken (von 14,9 auf 12,8 Tage), während gleichzeitig die Krankenstände Arbeit Suchender kräftig gestiegen sind (von 22,5 auf 29,2 Tage). Diese Entwicklung hat sich mit der Abschaffung des Entgeltfortzahlungsfonds ab 2001 deutlich beschleunigt. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden den Arbeitgebern die Lohnkosten für erkrankte Arbeiter aus diesem Fonds ersetzt.
zum SeitenanfangSchlusslicht bei Beschäftigung Älterer
Für ältere Beschäftigte ist die Situation besonders dramatisch. In kaum einem anderen EU-Land ist die Beschäftigungsquote der 55 – 64jährigen geringer als in Österreich. Trotz der Erhöhung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters waren 2005 nur 33 Prozent in dieser Altersgruppe in Beschäftigung. Zum Vergleich: In Schweden waren es über 72, im EU-Schnitt über 45 Prozent.
Gesundheitsbedingte Pensionen
Ein Grund für die geringe Beschäftigungsquote ist der schlechte Gesundheitszustand vieler ArbeitnehmerInnen. Im Jahr 2005 mussten über 26.000 ArbeitnehmerInnen aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in Pension gehen, das waren knapp 40 Prozent aller neuen PensionistInnen, bei den männlichen Arbeitern sogar knapp 60 Prozent aller Neupensionierungen des Jahres 2005. Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl der gesundheitsbedingten Pensionen um 11 Prozent angestiegen. Neben der massiven gesundheitlichen Einschränkung sind auch die finanziellen Einbußen der Betroffenen sehr hoch, Männer in Invaliditätspension erhalten 21 Prozent weniger Pension, Frauen sogar noch weniger (23 Prozent).
Finanzieller Verlust für Betroffene
Invalidität bedeutet nicht nur individuelles Leid und finanziellen Verlust für die Betroffenen, sondern belastet auch die Systeme der sozialen Sicherheit enorm. So wurden 2005 in der gesamten Pensionsversicherung rund 2,6 Milliarden Euro für Pensionen aus gesundheitlichen Gründen aufgewendet, das sind über zehn Prozent der gesamten Pensionsaufwendungen der gesetzlichen Pensionsversicherung.
Zugzwang durch Bevölkerungsentwicklung
Eine Untersuchung des Beirates für Wirtschafts- und Sozialfragen (Frühjahr 2006) prognostiziert einen raschen Anstieg des Alters der Beschäftigten in Österreich in den nächsten zehn Jahren. Waren im Jahr 2005 noch rund 246.000 Beschäftigte in der Altersgruppe der 55 – 64jährigen, werden es im Jahr 2015 mit rund 530.000 mehr als doppelt so viele sein. Auch die Altersgruppe der 45 – 54jährigen wird größer, hingegen wird die Zahl der Beschäftigten zwischen 25 und 44 Jahren um knapp 180.000 schrumpfen.
Beschäftigungschancen massiv verschlechtert
Zwar sollen die Älteren immer länger arbeiten, aber ihre Beschäftigungschancen haben sich massiv verschlechtert. In einer Gesamtbetrachtung (registrierte Arbeitslose, Schulungs-teilnehmerInnen, BezieherInnen eines Pensionsvorschusses oder Übergangsgeldes) stieg die Arbeitslosigkeit in der Gruppe der über 50jährigen von knapp mehr als 57.000 im Juli 2000 auf über 70.000 im Juli 2006 – ein Anstieg um beinahe ein Viertel.
Reformstau bei Sicherung der Berufsfähigkeit
Eine Beschäftigungs- und Arbeitsmarktpolitik, die das Antrittsalter für die Alterspensionen rasch und deutlich anhebt, sich aber um den Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit einer rasch alternden Arbeitsbevölkerung keine Gedanken macht, ist nicht zukunftsfähig.
Sie führt lediglich dazu, dass- die Beschäftigungspotentiale älterer ArbeitnehmerInnen verloren gehen, die Beschäftigungsquote der Älteren nicht steigt und Menschen am Ende ihres Arbeitslebens um ihre materielle Existenz bangen müssen
- rechtzeitige und wirkungsvolle Unterstützung beim Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit unterbleibt. Statt dessen werden knappe Arbeitsmarktförderungsmittel in Schulungsmaßnahmen fehlinvestiert, die die tatsächlichen Probleme nicht lösen können
- die gesundheitsbedingte Altersarbeitslosigkeit hoch bleibt
- das faktische Pensionsantrittsalter wegen Invalidisierung nicht steigt
- die Kosten der Invalidität weiter explodieren
Österreich braucht nachhaltige Arbeitsmarktpolitik
Die aktuelle Wirtschafts- und Beschäftigungsentwicklung reicht nicht aus, Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung entscheidend zu reduzieren. Darüber hinaus zeigen die letzten Daten des Mikrozensus, dass der Beschäftigungszuwachs alleine in Teilzeitarbeit besteht und nach wie vor Vollzeitarbeitsplätze verloren gehen.
Immer mehr sind auf Teilzeitarbeit angewiesen
Immer mehr ArbeitnehmerInnen sind auf Teilzeitarbeit angewiesen, unabhängig von ihren tatsächlichen Bedürfnissen. Bereits für das nächste Jahr sagen die Wirtschaftsforscher ein mit 2,1 bis 2,2 Prozent deutlich geringeres Wirtschaftswachstum als im heurigen Jahr vorher. Eine anhaltende Entspannung am Arbeitsmarkt und ein nachhaltiges und deutliches Sinken der Arbeitslosigkeit ist in Österreich über das Jahr 2006 hinaus nicht in Sicht. Nach wie vor stehen Jugendliche vor massiven Problemen beim beruflichen Einstieg, sind Frauen in mehrfacher Hinsicht auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt.
Die Arbeitsmarktaussichten von gering qualifizierten ArbeitnehmerInnen und von ArbeitnehmerInnen mit Migrations-hintergrund sind nach wie vor trist. Arbeitslos gewordene ältere ArbeitnehmerInnen stehen bei der Arbeitssuche unverändert vor riesigen Problemen.
Strukturprobleme konsequent bearbeiten!
Die AK verlangt deshalb ein grundlegendes Umdenken in der Arbeitsmarktpolitik. Anstelle einer bloßen Abfederung konjunktureller Entwicklungen muss Arbeitsmarktpolitik die Strukturprobleme auf dem Arbeitsmarkt konsequent bearbeiten.
zum Seitenanfang Einführung einer flächendeckenden GesundheitsstiftungAus Sicht der AK muss sich eine Arbeitsmarktpolitik, die sich auch um die gesundheitlichen Probleme der älteren ArbeitnehmerInnen kümmert, auf folgende zentrale Instrumente stützen:
- Einführung einer flächendeckenden Gesundheitsstiftung, um Invalidität und Arbeitslosigkeit aus gesundheitlichen Gründen zu bekämpfen
- Reduktion der Überstunden, um mittelfristig gesundheitlichen Einschränkungen vorzubeugen und kurzfristig Beschäftigung zu schaffen
Flächendeckende Gesundheitsstiftung
Ähnlich den erfolgreichen Arbeitsstiftungen soll eine Gesundheitsstiftung jenen Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen Gefahr laufen, ihre Tätigkeit nicht mehr ausüben zu können oder ihren Arbeitsplatz bereits verloren haben, eine neue berufliche und gesundheitliche Perspektive bieten. Ziel muss sein, gesundheitlich gefährdete Beschäftigte und Arbeit Suchende frühzeitig zu rehabilitieren und ihnen helfen, sich wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren.
Zielgruppe für die Gesundheitsstiftung sind ArbeitnehmerInnen, die ihre Gesundheit durch ihre Arbeit gefährdet sehen. Diese Stiftung soll nach den Grundsätzen der Freiwilligkeit, Anonymität und Niederschwelligkeit organisiert sein. Die Interessierten sollen sehr leicht und rasch die Leistungen der Gesundheitsstiftung in Anspruch nehmen können, durch persönliche Einzelfallbetreuung kann ein optimaler Einsatz bereits vorhandener Fördermöglichkeiten erreicht werden.
Den Teilnehmer/-innen soll zunächst eine umfassende arbeitsmedizinische und berufsdiagnostische Beratung und Betreuung angeboten werden. Ausgehend von Ergebnissen dieser Betreuung ist es entweder möglich, den aktuellen Arbeitsplatz so zu adaptieren, dass ohne Gesundheitsschädigung weiter gearbeitet werden oder nach einer entsprechenden Qualifizierung eine neue Tätigkeit im Unternehmen gefunden werden kann. Wer ohne Arbeit ist, soll ausgehend von den berufsdiagnostischen Befunden die Möglichkeit einer beruflichen Neuorientierung mit entsprechender Qualifizierung und Vermittlungsunterstützung bekommen.
Die Gesundheitsstiftung soll gesundheitlich beeinträchtigten Beschäftigten und Arbeit Suchenden ermöglichen, eine berufliche Unterbrechung für eine berufliche Neuorientierung, für gesundheitliche Rehabilitation und damit zum Ergreifen neuer Chancen zu nutzen. Die Vorteile einer Gesundheitsstiftung liegen auf der Hand: Die Menschen können gesund länger arbeiten, gesünder in Pension gehen, es kann Lebensqualität im Alter gewonnen, eine höhere Pension erzielt und gleichzeitig die Kosten für das Pensionssystem gesenkt werden.
- dass die dargestellte große gesundheits- und arbeitmarktpolitische Lücke tatsächlich existiert
- und dass eine Gesundheitsstiftung erfolgreich sein kann
Diese Pilotprojekte können nur auf Grundlage einer intensiven Kooperation von Krankenkassen, Pensionsversicherung und Arbeitsmarktservice (AMS) erfolgreich durchgeführt werden. Ein flächendeckender Einsatz der Gesundheitsstiftung braucht auch eine Angleichung der jeweils zu beachtenden gesetzlichen Vorschriften.
So muss etwa im Allgemeinen Sozialversicherungsgesetz die unterschiedliche Behandlung von un- oder angelernten ArbeitnehmerInnen bein Zugang zu beruflicher Rehabilitation und den sonstigen Fördermöglichkeiten der Pensionsversicherungsträger beseitigt werden, anstelle sie auf andere – am Arbeitsmarkt oft gar nicht angebotene - Arbeitsplätze zu verweisen. Im AMS soll die berufliche Eingliederung gesundheitlich beeinträchtigter Arbeit Suchender einen höheren Stellenwert erhalten.
Die Kosten einer solchen Gesundheitsstiftung werden durch den Nutzen bei weitem aufgewogen. Bei 10.000 TeilnehmerInnen pro Jahr entstehen Beratungs- und Betreuungskosten von rd. 50 Millionen Euro, dazu kommen noch die Kosten für die Existenzsicherung bei Arbeitslosigkeit, die aber schon heute anfallen. Zu finanzieren sind diese Aufwendungen durch die Arbeitslosen-, die Kranken- und die Pensionsversicherung.
Biografieorientierte Arbeitsmarktpolitik
Die Einrichtung einer Gesundheitsstiftung wäre ein weitere Beitrag zu einer biografieorientierten Arbeitsmarktpolitik, wie sie die EU einfordert. Die Elternkarenz, die bereits eine berufliche Auszeit ermöglicht, ausreichende Kinderbetreuungsplätze, die Forderungen nach einer Bildungskarenz NEU und dem Rechtsanspruch auf 35 Wochenstunden für Bildungszwecke pro Jahr (siehe AK-Pressekonferenz „Neue Wege für den Arbeitsmarkt – Weiterbildung als Chance", 9. August 2006) sind weitere Elemente zu einer solchen neuen Arbeitsmarktpolitik.
Überstunden-Abbau
Eine biografieorientierte Arbeitsmarktpolitik sollte durch eine Reduktion der Überstundenbelastung ergänzt werden. Damit kann einerseits weniger gesundheitlicher Verschleiß, weniger Invalidität und eine Erhöhung der Beschäftigung Älterer erreicht, andererseits die Arbeitslosigkeit signifikant reduziert werden.
Überstundenabbau durch:- In Zukunft sollen nur voll transparente "All in-Klauseln" gültig sein. Im Vertrag muss das für die Normalarbeitszeit zustehende Gehalt beziffert werden, das darüberhinaus gehende Entgelt kann dann klar den Überstunden zugeordnet und daraufhin überprüft werden, ob es zu deren Abgeltung laut Gesetz und Kollektivvertrag ausreicht
- geringere Krankenversicherungs- und Arbeitslosenversicherungsbeiträge der Arbeitgeber für Normalarbeitsstunden und merklich höhere für Überstunden (aufkommensneutrale Gestaltung)
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